Schmerz / Leid

Nr° WKMSU /01
Nr° WKMSU /01

Eskimos sagen, dass man den Schmerz einladen, ihn zu seinem Freund machen soll. Dann kann er nicht mehr schlimm sein, weil Freunde ja nicht ungut sein dürfen. So kannst du ihn leichter ertragen.

 

Wir  aber fressen ihn in uns hinein und versuchen ihn zu ersticken, betäuben  oder ertränken, aber die Seele kann man nicht betrügen. Außerdem schafft der Schmerz es leichter uns zu verbittern und befördert uns in eine große Einsamkeit.

Wir sollten es so wie die Eskimos ( die sich als Inuit;  Mensch; bezeichnen und eigentlich immer gerne lachen und glücklich sind) machen. Besonders wichtig ist es, finde ich, dass wir den Schmerz mit jemanden teilen. Am einfachsten wäre es, wenn wir noch dazu die selbe Wellenlänge hätten. Das kann ein Freund oder ein ganz Fremder sein. Ein Psychotherapeut könnte in ganz schlimmen Situationen professionelle Hilfe anbieten, obwohl es manches mal schon sehr positiv ist, einfach nur mit einem Menschen eine Runde zu gehen und dann sein Herz ausschütten.

Man soll den Schmerz herausschreien und dann darf dieser Mensch nicht böse sein.

Auf meiner Rehab habe ich das oft erlebt, man geht eine Runde und plaudert, kommt drauf der andere versteht mich und ich kann meinen Schmerz rauslassen. Der Andere kann dich verstehen, hat aber die Chance, es nicht mit sich herum tragen zu müssen.

Dein Partner kann das nicht einfach wegstecken oder hier lassen, er muss den ganzen Sack mittragen, mitnehmen und schon hast du den ganzen Sack wieder bei dir. Ich denke, dass es besser ist den Sack irgendwo abzuladen wo er nicht mit mir kommen kann.

So machen es die ganzen Sozialberufe, keiner nimmt sich "Arbeit" mit nach hause.

Ich habe im Krankenhaus meinen ersten Toten gesehen, also einen Toten der mich mittelbar betroffen hat, es war ein Zimmernachbar. Meine Krankenschwester hat zu mir gesagt: " Sind sie doch nicht dumm, kennen sie den Menschen? Vergessen sie ihn ganz schnell. Ich mache das Kreuzzeichen und dann vergesse ich ihn schon wieder. Anders könnte ich meinen Job nicht machen." Das hat mir sehr geholfen. 

Darum meine ich ausweinen sollte man sich nie bei seinem Partner, sondern immer bei einem "Fremden". Fremde Menschen gehen auch manches mal etwas rauer mit dir um, man braucht das aber auch öfter, enge Freunde fassen dich da eher mit Glaceehandschuhen an. Manches mal gehört aber einem der Kopf durch geblasen. Ich habe einmal einen Menschen getroffen der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl in der Rehabklinik war. Der Therapeut hat gemeint er könne bald gehen, er müsse nur wollen. Ich habe mit ihm gesprochen und ihn dann angeschrien: " Schrei mich an, schimpfe mich lass deinen Schmerz raus, sonst bringt er dich um."

Ich bin mir vorgekommen wie der Trainer von einem Boxer,  aber es hat geholfen. Also denke ich mir irgendwie hilft schreien schon, ich schreie wenn immer ich kann und lasse so meinem Schmerz keine Chance sich in mir irgendwie festzufressen. Einen Platz dazu findet man sicher irgendwo. In einer Garage oder im Keller kann man schon mal schreien. Auch wenn man einen Zug an sich vorbeifahren lässt kann man ohne Probleme mal schreien.

 

Die Japaner oder Chinesen schreien auch immer wieder um die Energie ordentlich zu beschleunigen, sich zu befreien.

 


Nr° WKMSU /02
Nr° WKMSU /02

Empfindungen

 

Als ich im Krankenhaus war und meine sehr anstrengende OP hinter mich gebracht hatte und aus dem Komma erwachte dachte ich mir schon einige Male, wenn ich einfach die Augen zu machen und sterben könnte...

 

Nie mehr krank, hilflos sein, keine Schmerzen, kein Leid haben, einfach aus und vorbei. Es war irgendwann so arg, der Arsch muss mir ausgewischt werden, mein Penis und der Katheder wird von jemanden Fremden gereinigt, meine Zähne werden von Anderen geputzt.

Ich kann nicht gehen, nicht verständlich sprechen, nicht sitzen, ja eigentlich nicht einmal leben ohne diese Maschinen hinter mir. Ich bin ja nur eine Last für meine Familie, meine Tochter kommt gar nicht mehr, sie kann es nicht ertragen , den Krüppel im Krankenbett anzuschauen der einmal Superman für sie war.

 

Zeitweise war es echt unerträglich für mich, ich habe geheult und geflucht, den da oben habe ich geschimpft, gefragt ob er sich da überhaupt  etwas denkt bei solchen Sachen.

WARUM? WARUM ICH?

 

Natürlich wenn meine Familie kam versuchte ich diese Gefühle nicht zu zeigen. Sie sollten es nicht sehen, nicht fühlen meine tiefe Verzweiflung.

 

Eines Tages kam dann aber jemand an mein Bett und sagte: „ Grüss Gott“.

Ich schaute ihn an und sagte zu ihm: „ Hoffentlich heute nicht mehr.“

Er schaute mich an und lächelnd reichte er mir dabei ein paar Zettel.

Ich las kurz und sagte : „ Super, eine paar Zettel dalassen und das war’s dann mit der Fürsorge der Kirche!“

Der Mann war nämlich Priester und auf Krankenbesuch.

Endlich jemand denn ich schimpfen konnte. „ Was wollt ihr von mir? Der da oben mag mich ja auch nicht mehr!“ rief ich sehr provokant.

Er sah mich sehr ernst an und meinte dann „ Vor einiger Zeit brannte ein Pfarrhof lichterloh, der Pfarrer stand am Fenster und schaute raus. Ein Mann will ihn raus holen aber der Pfarrer lehnte mit den Worten: Gott wird mich retten!. Der Mann verständigte die Feuerwehr und diese wollte ihn ebenso retten, aber der Pfarre lehnte ab und sagte:  Gott wird mich retten!. Als der Priester dann im Himmel ankam, fragte er Gott warum er ihn nicht gerettet habe, Gott aber sagte zu ihm: Ich habe dir einen Mann und dann die Feuerwehr geschickt doch du wolltest ja nicht. Was sollte ich sonst noch machen?“.

 

Ich dacht darüber nach: mein OP Team war einfach Spitze, meine Krankenschwestern sind super.

Also muss ich auch wach werden und mich retten lassen.  

Meine Familie braucht mich ja wieder, also KÄMPFEN.

 

Ich habe geschimpft und geflucht, gebetet und trainiert.

Mit allen Mittel die mir zur Verfügung standen.